1000 Worte
4. AUSGABE // 1. APRIL 2011 - Life@HSG

1000 Worte

Nimm deine Schuhe mit wenn du gehst und deine Zweifel auch

von Ralph S. Karg


ralph

 

Sinnfrei oder Freisinn? Sinn und Sinnlichkeit. Allem voran jedoch Masslosigkeit. Das Studium geht schleppend. Ihre Lippen fesseln meine Gedanken. So voll, sinnlich und leidenschaftlich. Und doch ist ihre Aufgabe als Mensch in meinem Leben nur die Vermittlung von Geborgenheit und Nähe. Anerkennung und Respekt. Die Trophäenfrau ist eine andere. Die Heiratsfrau ebenfalls. Ganz zu schweigen von der Untersten ihrer Art, der „Die-nehm‘-ich-heute-fix-mit-nach-Hause-Frau“. Sie ekeln mich an. Und ich sie mit Sicherheit auch. Gleichgültigkeit nicht nur als Lebensweg, sondern auch als Beziehungsberater. Wir sind jung. Schaut euch doch einmal an. Ihr seid erfolgreich. Vielleicht mehr reich, als Erfolg. Aber nichtsdestotrotz. Geniesst eure Körper. Wer denkt denn heute noch an Bindung. Aufregender, bedeutungsloser, öffentlich gemachter Sex. Dieser und Beziehungen haben bei mir sowieso eine gewisse Ähnlichkeit. Selten, langweilig dafür aber unsagbar kurz. In unserem Alter sind Beziehungen sowieso nur nachteilig. Sie sind zeitvernichtend und Geld verzehrend und dienen nur einem Zweck, nämlich das emotionale Loch mit kitschiger Kuschelei und vermeintlich interessanten Gesprächen über die Kindheit und tiefe psychische Fehlstellungen des jeweils anderen zu diskutieren. Wow. Du warst also magersüchtig. Wow. Du kannst also nicht immer. Wow. Das Einzige, das solche Gespräche noch einigermassen erträglich macht, sind die Gedanken.

Bei jedem Wort aus ihrem Mund sehe ich meinen Penis zwischen ihren Lippen gleiten, dem Orgasmus nähernd und ein lauteres um lauteres Stöhnen beiderseits vernehmend. Mit vollem Mund spricht man nicht. Zurück zu Beziehungen. Wer braucht denn eine Beziehung? Von Liebe ganz zu schweigen. Wieso reden denn auch alle von Dingen, die sie nicht verstehen? Wer oder was ist dieses Liebe und wer sagt mir wo ich das Mal ausprobieren kann? Nur mal unverbindlich reinschmecken. Nicht nur die Schweizer Autobahnpolizei weiss: Abstand schafft Sicherheit. Ich wehre mich vehement gegen die Liebe. Diese Krankheit. Noch schlimmer als Stolz. Sie ist eine egoistische Braut. Selbstzweifel lassen dich lieben, aber nicht Bewunderung eines Nächsten. Nichts ist gut oder schlecht. Es sind unsere Gedanken, die die Dinge zu dem machen, was sie sind. Konstruktivismus. Ich weiss es noch, als ob es gestern gewesen wäre. Epikur und ich, sinnierend flanierend schlenderten wir in der Akropolis umher, und fragten uns, wie wir wohl unsere kurze Zeit auf dieser Erde am besten über die Bühne bringen könnten. Zuerst räusperte er, legte seinen Arm um meine Schultern und sagt mit seiner vom Opium zerfressenen Stimme: Liebe jeden Augenblick und vermeide die Unlust wie deinen Todfeind. Lang, lang ist’s her.

Kein Wunder, dass diese Denkweise im sinnfreien Feiern enden musste. Manchmal kommt mir die Nüchternheit schon wie ein Trip vor. Tipps und Tricks. Ticks und Trips. Kaum etwas ist noch speziell genug, um überhaupt meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Selbst die Schönheit einer Frau macht das Leben nur geringfügig erträglicher. Beim Versuch mich auf meiner Lorbeermatratze auszuruhen scheitere ich kläglich. In meinem Kopf scheinen sich Lorbeeren nach kürzester Zeit in gemeinen Efeu zu verwandeln. Kaum erreicht, wirkt jeder Erfolg wie eine blosse Lappalie. Nichts ist gut genug. Erfolg ist wie Zufriedenheit von recht kurzer Beschaffenheit. Woher sollen wir denn auch wissen, was wir wollen. Nur Liebe um die man kämpfen muss kann etwas wert sein. Geliebt zu werden ist somit ein Beweis der unwahren Liebe. Im Leben ist bekanntlich nichts geschenkt. Wie zum Teufel soll man etwas schenken können, wenn nichts geschenkt ist? Und komm‘ mir jetzt nicht mit Charity. Das egoistische Handeln von allen. Wo wir wieder bei Liebe schenken wären. Und so schlittern wir von Partner zu Partner und fühlen uns im Single-Leben auch ganz wohl.

Jeder füllt seinen Rucksack mit vermeintlich klugen Weisheiten über Beziehungen und zerstört bewusst oder unbewusst alle darauf folgenden. Gummiband. Gefühlsmässig befinde ich mich irgendwo zwischen Avalon’s So Rich So Pretty und Radiohead’s Creep. Ungesund. Das Ganze geht so lange, bis wir alle zerstört am Boden liegen. Nach Liebe lechzend. Unsere Triebe werden ausgelebt sein, unsere Ziele zum grössten Teil erfüllt. Dann werden wir einen Partner finden. Ein Partner des geringsten Übels. „Sie kümmert sich um alles, kommt gut mit den Kindern klar. Und kochen kann sie auch.“ Warum um Himmelswillen muss sie denn kochen können? Ich stresse mich doch hier nicht ab für den verdammten 5.0er Schnitt damit es meine Sorge sein wird was Warmes zu essen zu bekommen. Mit Liebe wird es auf jeden Fall nichts zu tun haben. Wir werden uns halt gut verstehen. Und das wird gemeinhin als „zur Ruhe kommen“ bezeichnet. La vie en rose.

Mein Erfolgsgeheimnis liegt in der Schizophrenie. Um ehrlich zu sein, gibt es aber auch viel zu viele Meinungen auf dieser Welt, um nur eine Persönlichkeit zu haben. Ungünstigerweise wird diese Haltung irrtümlich als meinungslos verkannt. Aber ganz im Gegenteil. Oder ergibt eine Meinung plus eine Meinung keine Meinung? Mit Geld kann man sich Glück nicht kaufen. Mit Glück allerdings kann man sich gar nichts kaufen. Den Schein wahren hat genau so viel mit Sparen zu tun, wie berühren mit begreifen. Beziehungsgestört? Sicherlich. Aber zumindest kein Geltungsjunkie. Wie kann man sich nur wichtiger machen, als man ist? Know your place. „Diesen Sommer zieht es mich nach Saint Barth oder Saint Tropez.“ Uh... Hauptsache was Heiliges. Der Typ muss Geld haben. Dass er es allerdings nicht einmal bis zum Flughafen schaffen wird, bleibt verschwiegen. Deine geheuchelte Aufmerksamkeit hat er dafür bereits – oder spekulierst du auf Nobelurlaub an vermeintlich exklusiven Destinationen? Ich kenne diesen und jenen. Hinz und Kunz. Die Bauern, das Bürgertum und den Adel. Blöderweise macht mich das kein Stück besser. Blöderweise sehen das nicht alle so. Vergiss‘ nie, woher du kommst. Deine Eltern haben viel dafür geleistet, dass du heute hier sein kannst. Dass du hier sein darfst, ist mitunter dein Verdienst. Ein Mensch macht nicht das aus, was er hat, sondern was er dafür geleistet hat. Werte und Überzeugungen. Haltung und Rückgrat. Also lasst uns das Leben leben. Die Liebe geniessen, oder zumindest erleben. Und keine Angst. Es kommt, wie’s kommt. Das Einzige was die Angst kann, ist uns beengen. Aber wir brauchen keine Enge, wir brauchen Freiheit. Also lass‘ dich verletzen, dann fühlst du wenigstens wieder. Dann darf das Leben auch wieder Leben sein.

Vielleicht ist es wahre Grösse zu seinen Gefühlen zu stehen. Vielleicht sollte man auf sein Herz hören. Vielleicht. Vielleicht ist aber auch Emotionslosigkeit unterm Strich einfach besser als ein Vielleicht. Dann doch lieber Partys und Frauen. Kommen und Gehen. Bedeutungslosigkeit. Wertelosigkeit. Die ewige Suche.