Die Sache mit der Wahrheit
4. AUSGABE // 1. APRIL 2011 - Politics@HSG
Geschrieben von: Jasper von Hardenberg   

Mit der Wahrheit ist es so eine Sache. Viele Menschen behaupten sie zu kennen, nach ihr zu streben oder zumindest sich ihr verpflichtet zu fühlen. Doch die Wirklichkeit hat mehr Facetten, als wir Menschen erfassen können und deshalb wird es uns auch nie gelingen, die Wahrheit abzubilden. Wir betrachten die Welt durch tausend verschiedene Modelle, einige bewusst entwickelt und andere im Unterbewusstsein hinterlegt. Wahr ist jedoch keines von diesen Modellen. Dies ist an sich keine grosse Neuigkeit. Ganz im Gegenteil, der Begriff und die Bedeutung der Wahrheit werden schon seit der Antike immer wieder von Philosophen diskutiert.

 

istock_000015203174largeInteressant wird es, wenn es im politischen Diskurs um die Wahrheit geht. Da passiert es schon einmal, das ein deutscher Verteidigungsminister von der einen Seite zum Betrüger und fälscher erklärt wird und von der anderen Seite zum unschuldigen Opfer einer linken Hetzkampagne. Das gleiche Phänomen kennen wir aus den USA, wo eine Ex-Gouverneurin von Alaska wahlweise eine heldenhafte Kämpferin für ein besseres Amerika oder eine ignorante Hinterwäldlerin ist. Die Wahrheit liegt in beiden Fällen vermutlich irgendwo zwischen den Extremen. Durch das Auftauchen der Webseite Wikileaks ist eine weitere Variante im Spiel mit der Wahrheit aufgetaucht. Durch das zugänglich Machen von geheimen Informationen soll die «Wahrheit» ans Licht kommen und so zu einer besseren Welt beitragen. Doch mehr Dokumente und Informationen bringen offensichtlich nicht nur mehr Klarheit, sondern auch mehr Komplexität und machen das erkennen der Wahrheit nicht einfacher.


Der Mensch kann jedoch mit dieser Unsicherheit, was denn nun die Wahrheit sei nicht umgehen und erfindet deshalb ständig seine eigenen Wahrheiten. Vor einigen Tagen unterhielt  ich mich mit einer befreundeten Studentin, die mich plötzlich fragte, ob ich wirklich glaube, al Quaida stecke hinter den Anschlägen auf das World Trade Center. Sie selber, sei überzeugt es sei entweder der israelische Mossad oder der amerikanische geheimdienst CIA gewesen, der die Anschläge verübte. Mein ungläubiges Nachfragen brachte dann ans Licht, dass sie nicht nur die gängige Theorie über den Tathergang am 11. September anzweifelte, sondern auch die Mondlandung, die Tatsache, dass Kennedy durch einen geistig Verwirrten ermordet wurde und dass George W. Bush tatsächlich rechtmässig zum Präsidenten gewählt wurde.


Wie kann man erklären, dass grundsätzlich vernünftige, intelligente und hoch qualifizierte Menschen teilweise an obskure Theorien glauben und sie als die «Wahrheit» hochhalten? Vor allem anderen geht es dabei wohl um die Suche nach einem Sinn, den zu finden die Presse, Radio und Fernsehen keinerlei anstalten mehr machen. Die Lücke wird dann gefüllt mit gespenstischen und abenteuerlichen Theorien, die unglaublich unwahrscheinlich sind, aber für den gläubigen deutlich glaubwürdiger und wahrscheinlicher erscheinen als die gängigen Theorien.


Genauso, wie viele Menschen an Verschwörungstheorien glauben, gibt es zahllose Menschen und Studenten die an Wahrsagerei, Astrologie, Handlesen oder ähnlichen Hokuspokus glauben. Dabei werden wir in diesen Fällen von unserem eigenen Gehirn hinters Licht geführt. automatisch blendet es nicht auf uns zutreffende Informationen aus und fokussiert sich auf die zutreffenden Aspekte. Dies, kombiniert mit einigen Phrasen, die auf 90% Prozent der Menschheit zutreffen bringt in uns ungläubiges erstaunen hervor. Nicht wenige Menschen verlassen sich in wichtigen lebensentscheidungen auf Horoskope und Wahrsagerei. Prominentes Beispiel hierfür ist die ehemalige «First Lady» der Vereinigten Staaten, Nancy Reagan.


Dabei sollte es uns nicht ängstigen, dass wir die Wahrheit nicht kennen und nie kennen werden. ganz im gegenteil, es sollte uns beruhigen. Die Ungewissheit und die Zweideutigkeit gibt uns letztendlich einen gewissen Schutz und macht zusätzlich das Leben deutlich interessanter.